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FAUSTRECHT

Die Rheinpfalz, Dietrich Wappler, 15.02.2016

In knappen, fließend ineinander geschnittenen Szenen wird diese Geschichte erzählt. Wendland und Gersch haben ein paar Episoden aus den anderen beiden Romanen als Erinnerungssplitter eingefügt. Es geht ums Sterben an der Ostfront, einen Luftangriff in Deutschland, einen abgeschossenen US-Piloten. Den Figuren geben diese Episoden ein wenig biografische Tiefe. Gersch verzichtet auf weitere Erläuterungen, bringt Kriegsgrauen und Bombenhorror nicht per Videoscreen auf die Bühne, deutet Realismus nur mit eine paar Dekoteilen an und lässt den Bühnenmusiker Alex Gunia einen Soundtrack aus bedrohlichen Geräuschen und Nachkriegsschlagern improvisieren. Ansonsten konzentriert sich die komprimiert-kluge Inszenierung ganz auf diesen Moment zwischen Niederlage und Neuanfang, der die hilflos zappelnden Figuren wie eine wilde Strömung mitreißt.

 

Die vier exzellenten Schauspieler vom Badischen Staatstheater zeigen diese Menschen in bedrohlicher Instabilität. Es sind unschuldig Schuldige, bleischwere Träumer, voller waghalsiger Zuversicht und doch eingekerkert in der Vergangenheit. Michel Brandts Rob ist der hoffnungsloseste Träumer in diesem Quartett, dessen Kinderblick nur die alten Schrecken zu sehen scheint und nicht die neuen Liebeschancen. Luis Quintanas ängstlicher Edel hat mehr körperliche Schäden abbekommen, dafür das Reich der Kunst als neuen Flucht- und Rettungsort entdeckt. Bei Sven Daniel Bühlers Hai sind die Abgründe unter einem dicken Zuhälterpelz und lockeren Sprüchen verborgen. Und Marthe Lola Deutschmanns Amihure Olga im männerlockenden Unterkleid hat ihre lebensgierige Hoffnung durch eine somnambule Wurstigkeit ersetzt.

Süddeutsche Zeitung, Adrienne Braun, 17.02.2016

Die Dramaturgin Barbara Wendland hat in ihre Theaterfassung von "Faustrecht", das Ledig zunächst als Stück konzipiert hatte, Zitate aus dessen ersten Büchern einfließen lassen und eine Collage erstellt, die zwischen verschiedenen Handlungssträngen und Zeiten springt. In Rückblenden wird vom "Pfeilregen von Magnesiumstäben" berichtet, von "gurgelnden Granaten, "entblößten Unterleiben und tierischen Schreien", erzählen die jungen Männer, wie sie zum Töten abgerichtet wurden. "Mir fiel es zum Schluss gar nicht mehr auf", sagt Hai (Sven Daniel Bühler), der weiterhin selbstverständlich töten würde.

Unterlegt von elektronischen Beats (Musik: Alex Gunia), die mitunter an dumpfe Herzschläge erinnern, beleuchtet die dichte Inszenierung unsentimental, wie die jungen Menschen die Monate nach der Stunde null erleben. Entkräftet und ohne Zukunftsvisionen, niedergedrückt von einer Vergangenheit, die sie (noch) nicht verdrängen können.

BNN, Andreas Jüttner, 22.02.2016

90 eindringliche Theaterminuten, getragen von einem intensiv aufspielenden jungen Ensemble . . .
Eine Generation, deren Traumata die von subtiler Live-Musik (Alex Gunia) untermalte Aufführung so schnörkellos wie eindrucksvoll spürbar macht. Langer, bewegter Applaus.

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