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NEWS 15/16

Die BÜRGERBÜHNENTAGUNG ist mit einer Rede von Mely Kiyak gestartet

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Die Autorin Mely Kiyak hielt die Eröffnungsrede Bühne frei für die Wirklichkeit zur 3. Bürgerbühnentagung Wir schaffen das! in Karlsruhe:

27. Mai 2016

Sehr geehrte Staatssekretärin Petra Olschowski, lieber Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, liebe Beata Anna Schmutz, lieber Peter Spuhler, lieber Jan Linders,

Meine sehr vereehrten Damen und Herren,

zunächst einmal scheint es mir wichtig, daran zu erinnern, dass das Theater ein Ort der Kunst ist. Die Kunst, liebes Publikum, ist die Abbildung der Wirklichkeit mit ihren Mitteln. Die Frage jedoch, wer was mit welchen Mitteln abbilden kann, darf oder soll ist eine zutiefst politische Frage.

Insofern ist die Trennung zwischen politischem Engagement und künstlerischer Arbeit für jene, die den Theaterbetrieb organisieren, eine sehr künstliche Markierung. Obwohl sich die Frage eigentlich immer stellt. Wie viel Wirklichkeit lasse ich ins Haus? Nicht alle gesellschaftlichen Konflikte lassen sich über die Inszenierung von Klassikern erzählen. Auch gibt es Künstler und Regisseure, die im Diskurs schon einen Schritt weiter sind und andere politische Fragen stellen, als die breite Öffentlichkeit.

Während in den unterschiedlichen europäischen Ländern gerade die Frage danach gestellt wird, wie viel Zuzug die Bürger in ihren Nationalstaaten meinen vertragen zu können, befinden sich Kulturschaffende und Künstler quer durch Europa schon längst an einem anderen Punkt. Nämlich der Herausforderung, wie sich Krieg, Flucht und Vertreibung anders erzählen lassen. Denn gerade erleben wir, wie rechtspopulistische Politiker und Medien es schaffen, den Diskurs durch eine spezielle Narrative für ihre nationalistisch entsolidarisierten Gesellschaftsvisionen zu missbrauchen. Ihre Erzählungen darüber, was ein Flüchtling ist, wie er zu sein, zu reden, zu essen, zu beten hat und welche Bedrohung und welches Risiko er darstellt, sind – das meine ich nicht zynisch – große Kunst. Rechtspopulisten verstehen die Regeln des Storytelling exzellent und sie sind sehr erfolgreich damit. Der größte Erfolg ist, dass sich das Leid der Abgehängten und Beschädigten so abnutzt, weil die Eskalationsspirale sich in Wort und Tat weiter dreht. Denn es geht immer noch grausamer.

Vor zwei Jahren noch sahen wir syrische und kurdische Kinder barfuss durch den Schnee in türkischen und libanesischen Flüchtlingslagern laufen, sammelten Geld für sie und schauten gleichzeitig zu, wie in Deutschland wieder Menschen vor den Flüchtlingsheimen protestierten, weil es eine Handvoll von ihnen zu uns nach Deutschland geschafft hatte. Diesen Winter froren sie bereits an der österreisch-bayerischen Grenze oder in der Warteschlange des LAGESO in Berlin.

Und der Anblick der Boote mit den Flüchtlingen, die vor unseren Augen im Mittelmeer ertranken, waren doch auch nur beim allerersten Mal sehr schlimm, oder? Mit jedem weiteren sinkenden Boot wurde es besser, erträglicher, alltäglicher, nebensächlicher.

Die Welt war nie in Ordnung und wird es niemals sein. Es wird nie so sein, wie es hätte auch werden können, wenn nicht immer der Wahnsinn gewonnen hätte, wenn nicht die Verirrten geherrscht hätten, wenn nicht die Lust an der Zerstörung lauter und mächtiger wäre als die stille und harmlose Freude eines Menschen, der einfach nur in Ruhe mit seiner Familie leben will. Egal wo, Hauptsache leben!

Vielleicht sind wir Europäer Menschen geworden, die Freiheit und Frieden doch nicht allzu lange aushalten. Jede Gesellschaft schafft es auf ihre Weise und im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Unruhe zu stiften.

„Ihr habt keine Freude gehabt in der Fülle der Dinge“, hielt der Psychoanalytiker Erich Fromm der modernen Gesellschaft vor. Der Journalist Stefan Ulrich erinnerte uns diese Woche in der „Süddeutschen Zeitung“ an den klugen Satz Fromms. Ulrich beschreibt die derzeitige Unruhe in Europa als eine Ode an den Frust. Und mir scheint, er hat recht damit. Die einen Frustrierten wollen die Demokratie in Dresden zu Ende spazieren, die anderen die Meinungsfreiheit in Paris oder Kopenhagen stumm schießen, wieder andere giften anonym und wutschäumend ihre Ressentiments und ihren Rassismus in die Online-Kommentarspalten der Zeitungen. So ist das alles und wird auch so bleiben.

Und das bedeutet: Dass der Widerstand nie aufhören darf. Widerstand ist vieles. Er beginnt stets damit, sich bemerkbar zu machen. Die Gegenposition nicht zu verschweigen. Zu sagen, „ich bin damit nicht einverstanden“. Sich nicht nur leise vor sich hin zu empören, sondern den Widerspruch sichtbar, hörbar, vernehmbar werden zu lassen Zum Beispiel: Eine Antwort auf einen Hass-Leserbrief verfassen. Einem Buchhändler sagen, dass man die Buchhandlung wechseln wird, wenn das rassistische Sachbuch weiter im Schaufenster dekoriert wird. Einen Restaurantwirt darauf hinweisen, dass man es geschmacklos findet, dass alle Weißen Bediensteten Kundenkontakt haben dürfen und alle Schwarzen hinten putzen müssen. Der Chefredaktion mitteilen, dass man in seiner Regionalzeitung künftig mehr Interviews von Flüchtlingen und Flüchtlingsinitiativen lesen möchte und weniger Kriminalberichterstattung. Ein Theater ermuntern, seine Theaterstücke auch einmal übersetzen zu lassen, damit diejenigen, von denen das Theater spricht, den Abend auch besuchen und verstehen können.

Sich einzumischen, um andere in Schutz zu nehmen, ist die höchste und edelste Form des Widerstands. Sich einzumischen, um Schutzsuchende und Schwache, Minderheiten und Stigmatisierte hingegen zu vergraulen, ist die widerwärtigste und giftigste Form des Widerstands.

Immer wieder erleben wir kollektive Ausgrenzungsversuche. Etwa wenn wir versuchen, Flüchtlinge weit weg vom Alltag der Bürger einzuquartieren. Statt uns darum zu sorgen, wie die Menschen mit einer traumatischen Verlusterfahrung Momente der Gemeinschaft erleben können, halten wir sie auf Abstand zu uns, am Rande der Städte. Umgekehrt aber wollen wir als Touristen in die Länder dieser Flüchtlinge, am liebsten an ihren Küchentischen sitzen und mit ihnen gemeinsam essen, um hinterher mit der erfahrenen Gastfreundschaft zu prahlen. Wir wolle Anteil an ihrem Leben nehmen. Aber wir sind nicht so sehr interessiert an ihnen, wenn es ihnen nicht gut geht. Wenn sie uns brauchen. Wenn sie zu uns kommen. Das ist uns dann zu authentisch. Auch die Notwendigkeit, die Geschichten und Leidenswege der Gestrandeten in unsere Mitte aufzunehmen, haben wir nur zögerlich erkannt. Dabei sind das die Stoffe unserer Gegenwart. Das Ringen der Gesellschaft um die Frage, wie viel innere und äußere Grenzen wir bereit sind zu überwinden? Dies gilt nicht nur für die Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch für die Nachfahren der bereits Eingewanderten. In den vergangenen zehn Jahren sind eine Heerschar von Initiativen gegründet wurden, die sich dem Kampf für mehr Teilhabe verpflichtet haben. Es gibt Initiativen von Professoren, Wissenschaftlern, Politikinteressierten, Journalisten, alle mit Migrationshintergrund, die fordern: „Lasst uns mitmachen. Wir sind unterrepräsentiert. Damit wollen und können wir uns nicht abgeben“. Ich persönlich glaube an diese Form des Widerstands. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen kamen immer nur deshalb zustande, weil sich Menschen zusammen fanden, die ihren Protest laut gemacht haben.

Begrenzung, Ausgrenzung, Entgrenzung, dies sind die Kreisläufe, die Gesellschaften durchmachen. Länder wie Afghanistan oder der Iran waren doch nicht immer so. So reaktionär und autoritär. Und Länder wie Deutschland waren doch nicht immer so friedlich und demokratisch. Der Wandel ist Bestandteil des Lebens. Wir erleben es ja gerade. Umso mehr wünsche ich mir Orte in der Stadt, wo ich hingehen kann und diesen Wandel in seinen Facetten thematisiert bekomme. Ich möchte das Thema der Entrechteten und Ausgegrenzten nicht den Talkshows in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten überlassen wissen. Es sind die Polittalkshows, die montags mit Frank Plasberg beginnend und sonntags mit Anne Will endend die tragische Weltlage in Komödien des Irrsinns verwandeln.

Wie also darauf im Theater reagieren? Als erstes stelle ich fest: Der Dreh- und Angelpunkt für die Frage des Sprechendürfens ist die Sprache selbst.

Diejenigen, über die wir in Europa verhandeln, sprechen in der Vielzahl keine europäische Sprache. Die Iraker, Syrer und Afghanen, die Libyer und andere können ihre Anliegen nicht formulieren. Obwohl sich unter den Geflüchteten auch eine Vielzahl von Oppositionellen und Künstlern befinden, machen diese Menschen die bittere Erfahrung, dass man mit einer Flucht aus seinem Land nicht nur eine Heimat verlässt, sondern auch eine Sprache. Ohne sie kann das alltägliche, das politische und das künstlerische Anliegen nicht formuliert werden. Ja, sie können nicht einmal die Texte, die wir in den Zeitungen veröffentlichen und die sich damit beschäftigen, ob diese Leute und ihre Geschichten auf die Bühne gehören, verstehen. Sie können nicht intervenieren, sie können den Diskurs nicht mit Gegendarstellungen ergänzen.

Aber dort, wo sie es können, weil sie des Englischen mächtig sind, benutzen wir die Geflüchteten als Korrespondenten ihrer Länder. Wir wollen, dass sie uns erzählen, was uns interessiert. Das, was uns interessiert, ist manches Mal leider eng verbunden mit den nationalen Themen. Also sollen die Geflüchteten erzählen: Wie halten sie es mit der Religion, der Gleichberechtigung, werden sie ihre Töchter demnächst in den Schwimmunterricht schicken oder nicht. Was denken sie über die Christen, die Homosexuellen, über die Mülltrennung und die Grenzen von Satire. Aber das sind möglicherweise nicht ihre Themen. Ihre Themen sind vielleicht praktischerer Natur. Wie ergeht es der Familie, die zurückgelassen wurde? Wo genau wurde zuletzt bombardiert? Steht das Haus noch? Warum funktioniert der Handy-Empfang seit Tagen nicht, oder ist vielleicht doch eine Katastrophe eingetreten, und niemand hat überlebt? Wenn man darüber länger als eine Sekunde lang nachdenkt und diese Interessensgebiete neben die Berichterstattung über Flüchtlinge in deutschen Zeitungen legt, dann begreift man, das es neben den Medien und den Parlamenten wenigstens einen weiteren Ort geben muss, an dem anders gefragt wird. Das Theater kann auch ein Ort sein für andere Fragen.           

Das Exil ist weitaus mehr als ein neues Bett in einem anderen Land. Das Exil ist der Ort, der die Heimat groß und bedeutend erscheinen lässt. Nie ist einem die Heimat so nah, wie wenn man sich so unüberbückbar entfernt von ihr befindet. Exilkünstler allesamt haben immer ihre Heimaten beschrieben. Sie konnten das oft so gut, weil sie das aus dem Kontext des Fluchtpunktes aus taten. Doch vor allem taten sie das in ihrer Sprache. Man wechselt sie nicht einfach so, wie wenn man ein Kleidungsstück auswechselt. Das ist nur schwer zu entwirren, aber es gehört zusammen: Sprache, Heimat, Identität. Auch hier sehen wir einen großen Unterscheid zur öffentlichen, politischen Handhabung mit dieser Komponente. Teile der Öffentlichkeit wollen, dass die Geflüchteten sofort anfangen, Deutsch zu sprechen, alle Regeln und Regularien kennen und sich bedingungslos einfügen. Sie sollen nicht stören, nicht auffallen, das Erscheinungsbild der Nation nicht verändern, sich zum Grundgesetz bekennen, auf allen Willkommensfesten tanzen, alle Willkommenskonzerte genießen, alle Piktogrammkarten zum Thema Sexualität auswendig lernen, alle Flüchtlingsdossiers des Bayerischen Rundfunks anklicken. Die Straßenverkehrsordnung beachten, sie müssen alles richtig machen. Aber meine Erfahrung ist, die meisten Flüchtlinge sind müde. Und sie machen manches anders, als man es von ihnen erwartet. Doch fehlt es ihnen an Sprache, uns zu erklären warum.

Vor ein paar Wochen habe ich mit meinen Schriftstellerkollegen Antje Ravic Strubel, Nicol Ljubic und Tilman Spengler sowie Bundesminister Frank-Walter Steinmeier die Europäische Schriftstellerkonferenz organisiert. Unser Motto lautete: Grenzen Nieder Schreiben. Selbstverständlich befanden sich unter den 30 Autoren aus 30 Nationen auch Schriftsteller, die geflohen waren. Wir wollten von unserer tunesischen Autorenkollegin Najet Adouani wissen, ob die Flucht ihr Schreiben verändert hat. Doch Najet erzählte uns erst einmal etwas anderes. Sie beschrieb uns, wie sie das erste Mal seit Jahren wieder schlafen konnte. Sie beschrieb uns in allen Einzelheiten diesen köstlichen Schlaf und den anschließenden Blick aus dem Fenster auf den deutschen Garten, der sie an den Garten ihrer Kindheit in Tunesien erinnerte. Wir begriffen, dass unsere Fragen nicht die richtigen waren. Die syrische Kinderbuchautorin Kefah Ali Deeb erzählte uns, wie sie ständig damit konfrontiert wurde, warum sie nicht aussehe, als hätte sie soeben die Balkanroute passiert. Sie sah für einige ihrer deutschen Mitbürger nicht wie ein Flüchtling aus, nicht arm genug, nicht abgerissen genug. Sie sagte den sehr einfachen Satz: Viele verstehen nicht, dass wir ein Leben hatten, bevor wir flohen.

Also halte ich fest: Wir müssen zuhören. Und verstehen, dass nicht wir entscheiden können, was gerade wichtig ist. Sondern sie. Die Geflohenen. Sie tragen ihre eigenen Geschichten im Gepäck. Wir können ihnen nichts von ihrem Leid abnehmen. Aber wir können still sein und aufmerksam.

Diese Geschichten benötigen einen Rahmen. Eine Bühne, wenn man so will. Es muss keine künstlerische Bühne sein. Auch hier finde ich, entscheiden nicht wir, wer wo spricht. Denn in meinen Augen handelt es sich ohnehin nicht um Geflüchtete, sondern um geflohene Autoren, Journalisten, Künstler, Schauspieler, Bäcker, Medizintechniker, Ingenieure, alleinerziehende Mütter, unbegleitete Minderjährige, Halunken, Querulanten, Lustige, Heitere, Stinkstiefel, Galane und andere Majestäten. Und in all diesen Bereichen gilt es Platz zu machen. Für mich als Autorin ist es selbstverständlich, dass ich meinen Kolumnenplatz im Gorkitheater frei mache, wenn mich jemand fragt, ob er mal statt meiner schreiben oder zeichnen darf. Ist doch klar, dass das geht. Wie sonst soll das laufen? Für „Zeit Online“, für die ich ebenfalls schreibe, war es eine Selbstverständlichkeit, dass auch Geflohene sich am Zeitungsmachen beteiligen. Die syrische Autorin, Kheefa Ali Deeb, von der ich eben erzählte, ist übrigens von der Zeitung „taz“ eingeladen worden, als Kolumnistin zu schreiben. Ihre Texte werden einfach übersetzt. Was ich damit sagen möchte, sehr geehrte Damen und Herren ist, dass ich selber sprechen besser finde als fürsprechen. Da, wo es geht, sollen die Leute selber reden. Und mir fällt beim besten Willen nicht ein, warum das im Theater anders sein soll. Ein Künstler braucht einen Ort, an dem er sich ausdrücken kann. Und diese Orte gilt es zu öffnen. Wir vergessen zu oft, dass sich in der Gruppe der Flüchtlinge bereits Künstler befinden.

Wir anderen Kulturschaffenden, die hier leben, machen uns natürlich auch Gedanken über die Situation in unseren Ländern. Auch unsere Kunst, unsere Texte, unsere Stücke sind beeinflusst, von jenen, die dazu kommen. Und so wie wir uns immer fragen, wer ist mein Publikum, an wen sende ich, haben auch wir es mit Verschiebungen zu tun. Wie nehme ich mein Land wahr, wie verhalte ich mich zu antidemokratischen Tendenzen in der Bevölkerung, wie sehr betrifft mich das alles? Auch hier gibt es einige Herausforderungen, die wir als Autoren zu meistern haben. Die wichtigste scheint mir hierbei, dass wir nicht den Fehler begehen, die Rollen zu vertauschen. Wir sind nicht Fürsprecher, nicht Sozialarbeiter, nicht Vermittler. Wir müssen dicht bei uns selbst bleiben, und die Geschichten müssen in sich funktionieren. Die Erzählperspektive ist dabei das A und O. Mein Sinn und Horizont haben sich verändert, die Erzählperspektive aber darf es nicht. Wenn ich anfange als Flüchtling zu sprechen, versuche Figuren zu erfinden, mit denen ich nichts gemein habe, wenn ich anfange mir vorzustellen, wie es wäre ein Flüchtling zu sein, dann wird es einfach nur noch schrecklich. Und es verschwinden die Grenzen zwischen engagierter Kunst und Propaganda. Ich werde immer eine politische Autorin sein. Aber ich bin keine Politikerin. Und ich wünsche mir in diesem Sinne politisch interessierte Intendanten, politisch interessierte Regisseure, politisch interessierte Schauspieler, politische Stücke und politische Ansichten, aber bitte: Macht keine Politik. Das unterscheidet uns von den Rechtspopulisten. Die wollen uns immer erzählen, wer die Flüchtlinge in Wahrheit seien, was sie im Schilde führen, wie sie denken und so fort. Ich weiß das alles nicht. Aber ich weiß, welche Fragen ich an meine eigene Gesellschaft stellen möchte und muss. Und ich bin interessiert daran, welche Fragen meine Kollegen, die geflohen sind, an mich und meine Gesellschaft stellen.

In was für einer brisanten Stimmung wir gerade leben, zeigt sich an einem Vorkommnis vor fünf Monaten. Am Hamburger Thalia Theater wird der lettische Regisseur Alvis Hermanis eingeladen zu inszenieren. Aber er sagt ab. Mit der Begründung, dass er nicht gedenke an einem Refugee Welcome Center mitzuarbeiten. Die deutsche „Begeisterung“, alle Grenzen zu öffnen, gefährde ganz Europa; so Hermanis zur akuten Flüchtlingsproblematik. Weil zwar nicht jeder Flüchtling ein Terrorist sei, aber jeder Terrorist ein Flüchtling. Oder Kind eines früher mal Geflüchteten. Weil Terrorverdächtige und „normale“ Flüchtlinge nicht voneinander zu unterscheiden seien, unterstütze den Terror, wer Geflüchteten helfe. Seit den Anschlägen vom 13. November in Paris befinde sich die Welt im Krieg, und er, Hermanis, und das Thalia Theater stünden auf „entgegengesetzten“ Seiten. Das war vor 5 Monaten.

Vor eineinhalb Monaten stürmten in Wien eine Gruppe von Rechtsextremen die Uni Wien wo 700 Zuschauer das Stück Die Schutzbefohlenen der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sehen möchten. Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene – unter diesem Motto hatte die Uni Wien zu einer Aufführung geladen. Auf der Bühne standen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Die Angreifer spritzten Kunstblut in die Menge, warfen Flugblätter, auf denen „Multikulti tötet“ zu lesen war. Mehrere Personen aus dem Publikum sowie die performenden Geflüchteten wurden geschlagen, gestoßen und verletzt. Die Schauspieler sperrten sich nebenan in der Garderobe ab und warteten. Als alles vorbei war, beschlossen sie: 'We are strong, let's go!' Dann sind sie alle wieder auf die Bühne gegangen, um fertig zu spielen.

Die Vorstellung also, dass das Theater ein Ort für Gleichgesinnte ist, stimmt nicht. Das Theater wirkt über sich hinaus. Es sendet und wird auch außerhalb des Zuschauerraumes wahrgenommen. Seine Aufgabe ist es aber nicht zu erziehen. Doch kann das Theater helfen, zu erkennen, wer man selber ist und wo man steht. In den Geschichten der anderen erkenne ich, wo mein Platz ist. Es kann bestärken und ermutigen, es kann auch rasend machen. So wie es Teile der Rechtsextremen rasend macht, weil sie ihre Inhalte durch das Wirken der Theater torpediert sehen. Das ist aber eigentlich nichts Neues. Die Künstler sind in allen totalitären Gesellschaften diejenigen, die zur Gruppe der Erstgefährdeten gehören. Weil sie die Welt immer weiter und anders denken, nämlich so, wie sie es wollen und nicht die Mächtigen. Die Identitären, Pegida, AfD, die FPÖ, Jobbik und andere sind Antiorte der Freiheit. Es ist nur natürlich, dass das Augenmerk der Extremisten immer die Theater, Verlage, Konzertsäle und Universitären sein werden. Und waren. Deutschland ist das Land der Bücherverbrennung. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war eine ihrer ersten Amtshandlungen, in zahlreichen deutschen Universitätsstädten Bücherverbrennungen zu inszenieren. Bedrucktes Papier versus Faschisten. Aber genau das macht Orte der Kunst und Künstler so mächtig. Das Theater beispielsweise erschafft jeden Abend in einer Kulisse eine neue Welt. Aber am Ende der Aufführung kommen die Schauspieler auf die Bühne und läuten das Ende der Vorstellung ein. Man sagt uns damit: Jetzt ist das Kunststück der Vorstellung vorbei. Jetzt geht jeder wieder in seine Wirklichkeit. Bei den Rechtsextremen ist die Aufführung nie zu Ende, fällt nie der Vorhang, ihre Kulissenschieberei ist eine nie endende Lügenshow. Das sind die zwei Gegensätze zwischen künstlerischem Schöpfungsprozess und politischer Manipulation.

Quer durch Deutschland tun Theater dreierlei. Sie engagieren sich für Flüchtlinge, nehmen sie auf und versorgen sie mit Schlafplätzen, Nahrung, Decken, Medizin oder Sprachkursen. Im Deutschen Theater Berlin, im Hamburger Thalia, im Berliner Gorkitheater war das so. Dann gibt es Theater, die sich der Stadtbevölkerung als Gegendemonstranten zeigen. So war es im Mainzer Staatstheater, als 120 Mitarbeiter eine AfD Kundgebung störten, indem sie laut Beethovens Ode an die Freude sangen. Sie wurden dafür übrigens angezeigt. Von der Polizei. Unvergessen auch die Aktion der Dresdener Semperoper, die einfach das Licht löschte und Pegida sprichwörtlich im Dunkeln stehen ließ.

Und drittens gibt es Theater, die die politische Situation in Stücken, Diskursen und Theaterabenden reflektieren. So war es in Freiburg, in Ludwigsburg, so ist es in Karlsruhe.

Das eine ist der soziale Rahmen. Das andere der künstlerische. Beide haben eine Berechtigung und das eine ersetzt nicht das andere.

Es rührt mich, wenn ich sehe, welche Anstrengungen die Theater machen, um auf die Flüchtlingsfrage in ihren Häusern zu reagieren. Die deutschen Theater sind großzügiger und offener, als sie es vor 30 Jahren noch waren. Als die Mauer fiel und die Ausländerheime brannten, waren die Theater noch Orte, die sich vor der Wirklichkeit abriegelten. Das ist heute definitiv anders. Aber dann schaue ich mir hin und wieder doch die Ensemble jener Theater an, die aufgrund ihrer politischen Festivals in den Feuilletons besprochen werden, und lese mir die Besetzungslisten der Intendanten, Hausautoren, Regisseure und so weiter durch und wundere mich. In manchen Häusern ist der Gedankensprung noch nicht ganz angekommen, dass ein Stadttheater die Stadt in all ihren Facetten abbilden sollte. Alle sozialen Milieus sollten sich auch in der Begegnung wieder finden, nur so können viele unterschiedliche Geschichten erzählt werden. Das grauenvolle Betroffenheitstheater mancher Häuser rührt auch daher, dass sie so eindimensional besetzt sind. Dass sie keine Sprache für die Not und das Leid finden, weil sie sich in diesem Gefühl wie in einem Fremdkörper bewegen. Sie treffen nicht den Ton, weil ihre Biografien Not, Leid und Migration nicht kennen. Kunst aber funktioniert eben immer noch nach dem uralten Prinzip: Erzähle nur, wovon du Ahnung hast. Was du kennst. Was dich wirklich bewegt. Und dann fange an zu fragen.

Viel zu oft gehen Kulturorte einen anderen Weg. Sie sagen sich: Mensch, zu dem Thema müssten wir mal was machen. Aber dieses „Wir müssten mal“ und das Geschehen haben nichts miteinander gemein. Und statt dass sie sich jemanden holen, der weiß, wovon er redet, wird dann von irgendwo ein Flüchtling aufgegabelt, der wie ein Requisit in der Kulisse steht und nichts anderes machen muss, als sich selber darstellen. Partizipation schön und gut, aber irgendwann ist auch mal gut mit Laientheater. Das hat manchmal schon seltsame Züge. Partizipationstheater muss man beherrschen, das hat auch Regeln und Filter. Und deshalb fällt bei mir jedes Stück durch, das einfach nur was Gutes wollte. Nein, die Stücke müssen in Text und Inszenierung gut sein. Sonst taugen sie nichts. Alles andere ist Sesamstraße. Schlecht gemachtes Theater haben die Geflohenen nicht verdient.

Die Theater müssen sich an alle Menschen einer Stadt richten. Das geht nicht mit dem einen Regisseur und dem einen Stück. Das ist ein fortwährender Prozess. Wer sich den Spielplan des Badischen Staatstheaters Karlsruhe durchliest, erkennt den Zeitgeist, die aktuellen Debatten, die politische Situation, der wird auch in 50 Jahren den Spielplan für 2016 zeitlich ungefähr richtig einordnen können. Das macht für mich ein diesseitiges Haus aus. Dass ich mich und meine Zeit darin finden kann.

Insofern gratuliere ich zu der Kooperation der Bürgerbühne mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe und der Einrichtung der Sparte Volkstheater, die sich der Idee verpflichtet hat, darüber nachzudenken, wie das Draußen nach Drinnen geholt und nach Draußen zurück gesendet werden kann. Deshalb betone ich: Es reicht nicht, Herz und Verstand zu öffnen, wenn man die Portemonnaies verschlossen hält. Deshalb bitte: Sparen Sie nicht! Im Gegenteil, lassen Sie Fülle walten, und Sie werden Großes ernten."

Wir sind in Deutschland so reich an vielem. Wir haben eine der vielfältigsten Kulturlandschaften der Welt. 825 Spielstätten werden vom öffentlichen Theater betrieben. Unsere Presselandschaft ist fabelhaft, 351 Tageszeitungen mit über 1500 lokalen Ausgaben erreichen täglich eine Auflage von 16,8 Millionen Exemplaren, ich betone täglich. In den deutschen Buchverlagen werden jährlich 100.000 deutsche Neuerscheinungen publiziert. Ich könnte ganz lange so weitermachen, aber ich kürze es ab: in dieser Vielfältigkeit erscheint es geradezu seltsam, wenn nirgends ein Platz für Geflohene in unserer Kulturlandschaft sein soll. Machen wir also Platz für die Neugekommenen. Rücken wir zur Seite. Hören wir zu und machen die Bühnen frei für die Wirklichkeit. Seien wir aufmerksam und der Welt und den Menschen zugewandt. Ich wünsche Ihnen allen eine erfolgreiche Tagung und schöne Momente.

Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung und dafür, dass ich hier reden durfte.

 

 

 

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